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Sonntagsbetrachtungen

Bei der Ansprache für Radio Vatikan

im Studio des Kirchenradios Passau (Armin Berger)

Ansprachen Oktober 2008 zum Download

Foto: Eva Maria Fuchs

 

 

Krankenbriefe

Leseprobe:

Krankenbrief 65 „Socken-Paare“

Eine Begebenheit in unserem Haushalt gibt mir immer wieder Rätsel auf, es ist das unerwartete Verschwinden von einzelnen Socken in der Waschmaschine. Nach Rücksprache mit anderen Frauen weiß ich, dass es auch in deren Waschmaschinen ein „Bermuda-Dreieck“ gibt, in dem Socken rücksichtslos ihrem „Partner“ entrissen werden. Auch wenn man diese nützlichen Kleidungsstücke fest zusammensteckt, kann es passieren, dass sie – im Strudel des Lebens, durch die Widrigkeiten des Alltags – von ihrem angestammten Gegenstück getrennt werden und als Single zurück bleiben. „Seltsam, wie in manchen Ehen“ denke ich. Da beginnt man paarweise und versucht, in den Herausforderungen des Lebens zu bestehen – und dann scheidet das Schicksal die beiden – und einer bleibt alleine zurück. Der Elektro-Kundendienst bringt mich, was die Waschmaschine und ihr geheimes Sockendepot betrifft, auf eine gute Idee: „Packen Sie doch die kleinen Teile in ein Wäschenetz, dann geht nichts verloren“ Sogleich kaufe ich ein Wäschenetz und denke mir, dass diese schützenden Hüllen nicht nur für Socken, sondern auch für paarweise zusammenlebende Menschen, sprich Eheleute, nützlich wären.

Jeder von uns braucht eine schützende Gemeinschaft, ein sicheres NETZ-Werk, das ihm Geborgenheit schenkt, in Ehe und Familie, Freundeskreis und Verein.

Vor kurzem rief mich ich eine Bekannte an, deren Ehe vor einigen Jahren auseinander gegangen war. Als ich nach dem Grund fragte, meinte sie: „Die Belastungen, die uns das Schicksal beschert hat, waren für unsere Ehe zu viel.“ Sie bedauerte, sich in ihrer Notlage niemandem anvertraut und zu spät Hilfe geholt zu haben. „Zuerst geniert man sich, jemandem etwas zu erzählen und tut so, als ob alles okay wäre – und dann ist es vorbei.“ Vielleicht hätten die beiden damals so ein Netz gebraucht, in dem sie in einem größeren Abstand wieder hätten zusammenfinden können. Manchmal passieren Wunder – und sowohl Menschen, als auch Socken begegnen einander und passen zueinander, die ursprünglich nicht zusammen und füreinander bestimmt waren. Wären sie in ihrer ersten Verbindung nicht getrennt worden – dann hätten sich die neuen Partner nicht finden können. „Wunder gibt es immer wieder“ – und es lohnt sich, sich darauf einzulassen. J

Ingrid Weißl, Krankenhausseelsorgerin, Kreiskrankenhaus Simbach/Inn.

 

↑ Nach Oben   |   Letzte Änderung: 19.01.2015   |   Barrierefreiheit